„Sch**** Dich nicht an!“ – mit Hosea Ratschiller

Episode 109
42:23

Ich spreche in Folge 109 mit Kabarettist, Radiomacher, Autor und vor allem mehrfach (Stief)Papa Hosea Ratschiller über moderne Vaterschaft, Pubertät bei Kindern und warum sie uns Eltern oft mehr kränkt, als wir zugeben.

Wir reden über Patchwork-Familie, den eigenen Vater mit dem man auch ein Buch schreiben kann, Vaterrolle heute, Erfolgsgesellschaft und das unterschätzte Mittelmaß im Familienleben.

Und über das, was einen guten Papa wirklich ausmacht: Vatern heißt bleiben.

Kapitel:

  • (00:00) – Intro: Was machst du anders als dein eigener Papa?
  • (03:25) – „Happy Place“: Kinder verstehen die Gegenwart besser
  • (05:42) – Pubertät & Loslassen: „Du bist die Wand“
  • (08:12) – Patchwork-Familie: Nähe, Distanz, „meine Kinder“
  • (21:22) – Erfolg, Vernunft & das unterschätzte Mittelmaß
  • (34:07) – Vatern heißt bleiben

Weiterführende Links:

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Transkript:

Bernhard Vosicky: [0:00] Was machst du anders als dein eigener Papa? Hosea Ratschiller: [0:03] Viel, sehr, sehr viel. Papa Mia, reine Männersache. Bernhard Vosicky: [0:08] Der Podcast von Papas für Papas und für alle, die Papas mögen. Klingt cool, ist es auch. Willkommen zur Folge mittlerweile 109. Papa Mia mit einem Gast, den ich schon länger im Podcast haben möchte. Jetzt haben wir es endlich geschafft. Ich freue mich, dass du da bist. Hosea Ratschiller: [0:26] Hätte ich gewusst, was für einen Kaffee man hier kriegt, dann wäre ich früher gekommen. Bernhard Vosicky: [0:29] Ist ein guter Kaffee, oder? Weißt du, dass du jetzt jemandem, der knapp über 40 ist, als Mann mit einer siebsterigen Maschine große Freude machst und den Kaffee lobst? Hosea Ratschiller: [0:37] Ich lobe ihn ausdrücklich. Schön, das ist schön. Und ich spüre sogar, es ist nicht nur Arabica. Bernhard Vosicky: [0:43] Oh, ein Kommissar. Ja, richtig, nicht? Hosea Ratschiller: [0:46] Herzlich willkommen im Café-Podcast. Bernhard Vosicky: [0:49] Eine 80-20-Mischung, arabischer, robuster, sehr schön. Ich darf dir trotzdem deinen Namen noch vorstellen. José Aracilla ist da. Ich freue mich wirklich, dass wir es geschafft haben. Es war jetzt, also aller guten Dinge sind drei. Den ersten ausgemachten Termin habe ich verschieben müssen, weil Kinder krank, wie halt so oft. Im zweiten haben wir einen Termin gewirks gehabt und jetzt haben wir es geschafft. Hosea Ratschiller: [1:08] Na, Termin gewirks, da ist schon die Höflichkeit des Gastgebers. Ich habe es einfach vergessen und bin nicht gekommen. Das ist die Wahrheit. Bernhard Vosicky: [1:15] Aber es ist okay, es passt. Und umso besser ist es jetzt hier. Ich freue mich wirklich. Kaffee schmeckt, Wasser ist da. Ich habe nicht gewusst, dass du sozusagen mit Gluten kämpfst ein bisschen und habe quasi ohne es zu wissen, passend glutenfreie Paprika, Paradeiser und Gurken. Hosea Ratschiller: [1:30] Ich habe vollständig glutenfreies Brot. Bernhard Vosicky: [1:33] Ja, so schaut es aus. Ja, sehr gut. Wer dich nicht kennt, du bist, was ist das? Ich frage, ob das jetzt eine gewichtende Reihenfolge ist. Du bist Kabarettist, du bist Autor, du bist Moderator, du bist Radiomacher, du bist Papa, Familienmensch. Welche Reihenfolge würdest du dem Ganzen geben? Hosea Ratschiller: [1:52] Sagen wir mal so, sozial ist sicher Papa Nummer eins, obwohl meine Frau und ich uns sehr bemühen, dass wir auch irgendwie in den Top 3 bleiben. Bernhard Vosicky: [2:00] Als Paar jetzt meinst du? Hosea Ratschiller: [2:01] Als Paar, ja genau. Aber beruflich ist sicher Kabarettist weit vorne. Also Radio gemacht habe ich früher sehr viel, mache ich jetzt immer noch ganz ein bisschen, Fernsehen ganz ein bisschen, viel weniger als man annehmen würde, weil die sechs Folgen, die wir jedes Jahr aufzeichnen von den Pratersternen, werden dann dreimal wiederholt und dadurch entsteht der Eindruck großer Präsenz im Fernseher. Aber so Schreiben, Bücher schreiben, Artikel schreiben, das mache ich wirklich urselten. Bernhard Vosicky: [2:29] Also das heißt, du hast es ja schon erwähnt, Moderator Pratersterne. FM4-Ombudsmann, aber Profession oder Berufung jetzt eh schon einige Zeit im Cabaret gefunden. Neues Programm, Happy Place. Das letzte Mal, als ich dich gesehen habe, hast du das Programm Hosea vorgestellt. Da warst du bei mir in der Radio Wien Morning Show zu Gast. Und da sind wir eigentlich dann auch darauf gekommen, dass uns diese Thematik Papa-Vaterschaft irgendwie verbindet. Ich mit dem Podcast und du hast damals auch relativ aktuell mit deinem Vater gemeinsam das Buch Den Vater zur Welt bringen geschrieben. Und das soll jetzt natürlich keine Buchkritik werden, drei Jahre danach. Das hat auch nicht wirklich viel Sinn. Aber natürlich wird ein bisschen was aus dem ganzen Buch auch Thema sein. Ich kann nicht voraussetzen, dass es die Leute gelesen haben, was sie auf jeden Fall nachholen sollten. Ja, eh klar. Hosea Ratschiller: [3:24] Ich bin irritiert. Bernhard Vosicky: [3:25] Ein paar Begriffe daraus möchte ich auf jeden Fall ansprechen, weil sie auch so schön reinpassen in das Ganze. Und auch, weil dein aktuelles Programm, wir sind jetzt und nehmen im Jänner 2026 auf, Happy Place ja auch eigentlich mit dir als Person. Es geht ja um einen 43-jährigen Papa. So ganz weg von der Autobiografie ist es nicht, oder? Hosea Ratschiller: [3:46] Genau, ich versuche mich möglichst uneitel, aber man merkt schon, das letzte Programm hat Hosea geheißen, aber da ging es darum, weil das wirklich das Erste ist, was mich alle Leute fragen, wo kommt dieser Name her und darauf habe ich das dann aufgebaut, dass man mit so einem Namen…. Bernhard Vosicky: [4:03] Jetzt musst du sagen, wo er herkommt, weil das wollen natürlich jetzt alle wissen. Hosea Ratschiller: [4:07] Altes Testament, das Buch Hosea und meine Familie ist unglaublich religiös und das Alte Testament wurde dort auch noch irgendwie hochgehalten. Bernhard Vosicky: [4:16] Ach, von den Werten her? Hosea Ratschiller: [4:18] Ja, also wirklich Auge um Auge. Bernhard Vosicky: [4:22] Du weißt sofort, worauf ich anspreche. Hosea Ratschiller: [4:25] Aber meinen Eltern hat der Name einfach gefallen und deswegen heißt es so. Aber in dem Programm ging es dann darum, dass so Äußerlichkeiten oft dazu führen können, dass man Außenseiter wird. Weil keiner heißt so, alle schauen dich mal so an und fragen, was ist mit dir? Genau, und in dem aktuellen Programm geht es darum, dass meine Kinder die Gegenwart irgendwie schon ein bisschen besser verstanden haben als ich, kommt mir vor. Und dieses Klassische, kennst du das, wenn man sich so schreibt, heute hat sie das gesagt und was die Kinder halt so alles sagen. Und aus diesen Sätzen filter ich sozusagen heraus, dass die einen viel klareren Blick auf die Gegenwart haben eigentlich als ich. Das ist das Programm. War das die Frage? Bernhard Vosicky: [5:07] Ja, ungefähr schon. Also quasi wir wollten jetzt ein bisschen hingehen auf das aktuelle Programm, wie autobiografisch das ist. Aber das kann man sich ja anschauen. Ich glaube, du bist momentan wirklich viel. Das ist auch gut, weil es relativ neu ist, das Programm. Also das heißt, wenn ihr es auch tatsächlich jetzt Anfang 2026 hört, dann lohnt es sich jedenfalls auf die Website zu schauen. Die verlinke ich natürlich in den Shownotes. Was ich aber eigentlich jetzt gleich zu Beginn einmal klären wollte, ist, damit wir uns auskennen, weil so easy ist es gar nicht, Familiensituation bei dir ist, du bist leiblicher Papa einer Tochter, die wie alt ist? Hosea Ratschiller: [5:42] Meine Tochter ist 13, genau. Bernhard Vosicky: [5:45] Du hast es irgendwie speziell gesagt, mach dich 13 im Sinn von Pubertät. Beschäftigt es dich oder war das? Hosea Ratschiller: [5:51] Ja, es ist sehr Wahnsinn. Hast du auch? 11. 11, okay. Kommt. Geht schon los? Bernhard Vosicky: [5:56] Kommt, es kommt. Hosea Ratschiller: [5:56] Ja, es ist für mich wirklich schwierig gewesen, ich darf schon in der Vergangenheitsform darüber sprechen, weil ich langsam anfange damit umgehen zu können, weil das war echt hart. Zu spüren, okay, ab jetzt ist deine Rolle festgelegt auf, du bist jetzt die Wand, von der man sich abstößt. Das ist jetzt die Aufgabe. Und darauf bist du ja vorbereitet, dass das irgendwann kommt und du rechnest damit. Womit ich nicht gerechnet habe, ist, dass mich das so kränkt, dass ich das so persönlich nehmen darf. Das habe ich nicht kommen sehen. Und dass man quasi so Gefühle hat, die wirklich unedel sind. So von wegen, jetzt habe ich 13 Jahre lang mein ganzes Leben darauf ausgerichtet, dass es dir halbwegs gut geht, dass es immer warm ist, dass du was zu essen hast und all das. Und jetzt kommst du mir so. Also das habe ich nicht kommen sehen. Und ich finde aber, dass ich relativ schnell gelernt habe, wie man damit am besten umgeht. Und zwar indem man das mit seinen Freunden und Freundinnen ausmacht und indem man darüber hinaus aber zur Verfügung steht für das, was die brauchen. Nämlich einen sicheren Rückhalt, von dem man sich gut abstoßen kann. Bernhard Vosicky: [7:15] Ist das Loslassen und nicht mehr Superheld sein schwer? Hosea Ratschiller: [7:22] Super hält die, den Eindruck hatte ich noch nie, aber ich hatte den Eindruck von so Gemeinsamkeit, also dass man gemeinsam vorangeht sozusagen und auf die Welt trifft. Und jetzt wird es immer mehr wirklich so, dass sie wo ganz anders hin will und in eine ganz andere Welt will als die, in der ich bin. Und das ist ja auch okay, weil sie wird länger auf der Welt sein, wenn alles gut geht und wird viel mehr eingreifen, wie die Welt sich entwickeln wird. Und das will ich ja und das möchte ich ja fördern und ermöglichen und das kann man sicher nicht machen, indem man sagt, bleib bei mir, wir haben es doch so schön gehabt gemeinsam oder so. Das ist jetzt die Aufgabe. Bernhard Vosicky: [8:12] Und zusätzlich zu deiner leiblichen Tochter wohnst du, lebst du mit deiner Frau gemeinsam in einer Patchwork-Situation. Deine Frau hat Kinder in die Partnerschaft mitgenommen. Hosea Ratschiller: [8:25] Genau, sie hat zwei mitgebracht, ich habe eine mitgebracht und jetzt sind wir zu fünft und alle anderen sind froh, dass sie da nicht dabei sein müssen. Nein, aber es ist wirklich nicht easy, aber natürlich auch schön, also klar. Und sonst hätten wir es nicht gemacht und man muss es ja auch nicht so lassen, wenn man es nicht will. Zum Glück leben wir in einem Land, wo man die Möglichkeit hat, seine Lebenssituation zu verändern, ohne dass irgendwer anderer unterschreiben muss, außer man selber. und, Also Patchwork. Ich hatte keine Ahnung davon, wie das ist. Ich habe noch nie in sowas gelebt und wir haben wirklich Schritt für Schritt da reingefunden, immer besser. Bernhard Vosicky: [9:09] Wir haben das eh in der Besprechung davor, bevor wir die Rekordtaste gedrückt haben, auch kurz besprochen, weil ich natürlich meinen Gästen immer freistelle, inwieweit sie Namen von Kindern, Partnerin erwähnen oder nicht. Und dann auch die Bezeichnung, wenn eben keine Namen erwähnt werden, so wie in unserem Fall jetzt, was ich respektiere. Wie nennen wir die Kinder? Und da habe ich es spannend gefunden, dass du sehr wohl sagst, wenn du von den Dreien sprichst, dass es deine Kinder sind. Hosea Ratschiller: [9:43] Ja, genau. Also ich sage meistens die Kinder und oft aber auch meine Kinder. Und wenn ich sage meine Tochter, meine ich wirklich meine leibliche Tochter und die anderen nenne ich die Kleine und der Bub. Okay. Also das legt sie natürlich auch auf etwas fest, aber da gibt es eine Distanz. Also so nahe wir uns stehen und die beiden haben den überwiegenden Großteil ihres Lebens mit mir verbracht in einer Wohnung zusammenlebend, und ich kümmere mich um die und wir fahren auf Urlaub gemeinsam, feiern Weihnachten und all diese Dinge und ich bin für sie da und wir teilen Dinge miteinander, die sie nur mit mir teilen und so. Also wir haben eine wirklich enge Beziehung, aber... Irgendwo ist da ein Unterschied und ich bin nicht stolz auf diesen Unterschied und ich bestehe auch nicht auf ihm und sage nicht, dass der für irgendwas gut ist, aber der ist da. Mit dem muss man irgendwie umgehen. Bernhard Vosicky: [10:46] Ist das schwierig, auch für dich jetzt, also mit den Kindern, wie alt sind die beiden, also die Kleine und der Bub, wie alt sind die beiden? Hosea Ratschiller: [10:58] Also die Kleine hat jetzt bald Geburtstag und wird 10 und der Bub wird 12 und meine Tochter wird heuer 14. Bernhard Vosicky: [11:04] Okay, also 10, 12, 14? Ja. Das heißt, du hast bald Triple Pubertät sozusagen? Hosea Ratschiller: [11:10] Ja. Wir haben viele Glastüren und ich hoffe es. Bernhard Vosicky: [11:14] Wir werden sie nachher auch noch haben oder zumindest neue. Du brauchst ab und zu neue Türen, das ist wichtig. Da kann ich nicht mitreden, ich hätte eben nur einmal 11, einmal bald 5. Dafür haben wir halt hier sozusagen den sturen Kindergartenkopf. Ich glaube, manchmal wünscht man sich als Papa, dass das Kind natürlich schon selbstständiger wäre. Gleichzeitig merke ich eben jetzt bei der Großen, die natürlich immer mehr Autonomie fordert und dass ich ihr natürlich auch gebe, bin ich froh, dass ich die Kleine habe, die noch nicht so viel Autonomie hat. Hosea Ratschiller: [11:48] Ich verstehe das. Ich verstehe das total, obwohl natürlich das das Ziel ist. Und ich habe bei meinen Kindern miterlebt, wie wichtig das ist, dass sie außerhalb der Familie Orte haben, an denen sie sich sicher fühlen, also an denen sie sich auf irgendeine Art zu Hause fühlen. Wir haben das echt mitgekriegt, gerade eben bei der Kleinsten, wo die Pandemiezeit mit diesen ganzen Regeln und dem vielen zu Hause bleiben und keine Geburtstagsfeste und keine öffentlichen Ereignisse und so weiter. Das war bei der in einem Alter, wo man gerade so beginnt, bei Freundinnen zu übernachten, wo es viele Geburtstagsfeiern und wo das gerade anfängt. Und die hat echt da ein Defizit gehabt. Wie bewegt man sich im Sozialen? Was für ein Selbstbewusstsein hat man im Rausgehen in die Welt? Das ist echt wichtig. So unangenehm das in der Pubertät dann sein kann, wenn sie ihre Grenzen finden wollen und so weiter, dass so wichtig ist es, wenn man sieht, dass sie das schaffen, dass sie eine eigene Sprache haben und eigene Orte. Bernhard Vosicky: [12:56] Und da muss man sich halt einfach selber zurückstellen als Papa und dann sagen, okay, passt, ich bin halt einfach jetzt nicht mehr. Hosea Ratschiller: [13:01] Ja, man muss sich irgendwie resozialisieren auf eine Art, weil man hat ja wirklich beschlossen, wenn man die Rolle annimmt, ich bin jetzt deswegen auf der Welt. Und dann auf einmal hat man wieder mehr Zeit und muss irgendwie... Bernhard Vosicky: [13:15] Dann kauft man sich ein Rennrad, eine Siebträgermaschine. Man macht halt das, was Männer um die Viertel tun. Aber das ist auch okay. Du hast in dem aktuellen Kabarettprogramm von dir, wenn du es schon sagst, ein bisschen autobiografisch ist es, inwieweit kommt denn da auch deine Familie vor? Hosea Ratschiller: [13:36] Sagen wir es so, das ist ähnlich wie bei dem Buch, das ich mit meinem Vater geschrieben habe, wo wir ja auch sehr persönliche Sachen besprechen, aber keine Privatangelegenheiten. Also da steht nichts drin, was nicht jeder wissen darf und wo wir nicht das Gefühl hatten, das hat auch was mit dem Leben von den allermeisten Menschen zu tun. Also ich gehe jetzt nicht auf die Bühne und lege irgendwelche Geständnisse ab oder erzähle irgendwelche Geheimnisse oder irgendwas, sondern Beobachtungen, wo ich das Gefühl habe, die haben auch mit dem Leben von den Nachbarn wahrscheinlich was zu tun oder vielleicht sogar von Fremden auf der Straße, die fließen da ein. Und aus was soll ich sonst schöpfen, außer aus dem, was ich erlebe? Bernhard Vosicky: [14:19] Sind deine Kinder dann auch deine Kritiker? Hosea Ratschiller: [14:25] Das wird mehr und das freut mich natürlich sehr, weil das bedeutet, sie interessieren sich ein bisschen für das, was ich mache. Also die Größte kommt jetzt auch schon zu Premieren und ist dann ganz stolz und das berührt mich sehr und freut mich natürlich sehr. Die beiden anderen sind noch ein bisschen zu klein, aber die werden dann bei der nächsten Premiere dabei sein. Und es ist schon so, wenn es so wird, dass Sachen vorkommen, die wirklich aus unserem Leben sind, dann frage ich die auch vorher, ob das okay ist. Also ich beginne zum Beispiel das aktuelle Programm mit einem Witz, der wirklich auf einen Satz zurückgeht, der mal beim Einkaufen gefallen ist, nämlich meine größte Tochter, neue Formulierung, ich habe meine Tochter gefragt, stell dir vor, du kannst aus dem Supermarkt eine Sache aussuchen und du brauchst nicht zahlen, was nimmst du? Und sie hat geantwortet, ich nehme die Kasse. Und das war wirklich so. Und ich habe mir gedacht, das sagt so viel über unsere Zeit, dass ich das gern verwenden würde. Und dann habe ich sie gefragt, ob das okay ist für sie. Und sie hat auch Tandemen bekommen und so. Also sowas passiert auch. Aber viel öfter frage ich noch meine Frau. Die ist wirklich beim Text sehr eng dabei. Und die lebt ja dann mit so einem seltsamen Mann, der schreibt... Hosea Ratschiller: [15:49] Da muss man sich schon irgendwie ranlassen und reinlassen in das, weil sonst ist es nur eine Distanzierung und das mag ich nicht, weil ich mag sie ja sehr. Bernhard Vosicky: [16:00] Angeblich ist es gut so, wenn man sich in der Partnerschaft mag. Also das hilft, sage ich jetzt nochmal. Es hilft auch, wenn man die eigene Familie mag, vor allem dann, wenn man ein Buch schreibt gemeinsam. Wobei man sagen muss, dass du in einer vielleicht jetzt nicht unbedingt paradetypischen Vater-Sohn-Beziehung aufgewachsen bist, sondern alleinerziehender Papa. Ja. Erklär mal ganz kurz die Situation. Ich habe gelesen in einem Interview, da hast du das so formuliert, von wegen, dass das Thema Familie für deine Mama ins Leben nicht so reingepasst hat. Hosea Ratschiller: [16:32] Zu der Zeit jedenfalls. Meine Eltern waren sehr, sehr jung. Also die waren 21, als ich auf die Welt gekommen bin. Das war jetzt damals noch nicht so wahnsinnig jung, aber heute, wenn man sich denkt, also wenn ich jetzt 21-Jährige sehe und mir denke, das sollen meine Eltern sein. Bernhard Vosicky: [16:46] Der Schnitt ist bei 31, das Kind 31. Hosea Ratschiller: [16:49] Genau. Und genauso spitze war es auch. Die haben noch nicht so genau gewusst, was sie tun sollen mit ihrem Leben. Und meine Mutter hat dann irgendwann beschlossen, dass sie andere Sachen vorhat. Mittlerweile hat sie wieder mehr Lust auf Familie und beteiligt sich auch sehr und ist auch sehr hilfreich, was diese Patchwork-Situation betrifft und auch sozusagen meine nicht leiblichen Kinder kriegen von ihr zum Geburtstag was und zu Weihnachten was und wir fahren zu ihr auf Urlaub und sie heißt uns alle gleichermaßen willkommen und das klingt jetzt irgendwie so selbstverständlich, aber ist es überhaupt nicht. Also das war eine der ersten Sachen, die ich gelernt habe über Patchwork, dass das irrsinnig viel Skepsis auslöst, wenn man sowas macht. Bernhard Vosicky: [17:35] Weil offenbar dieses Leibliche so wichtig ist? Hosea Ratschiller: [17:38] Ich kann es nicht analysieren genau. Natürlich hat man dann so seine Vermutungen, aber ich neige irgendwie dazu, das Beste anzunehmen, weil das auch für meine Psychohygiene gut ist. Aber ich glaube, dass es... Es ist noch immer so ungewöhnlich und wird in der Öffentlichkeit mit Scheitern in Verbindung gebracht und man will nicht scheitern und es klingt so, als hätten es sich da Leute leicht gemacht. So das Gefühl habe ich vielleicht ein bisschen. Und das Gegenteil ist der Fall. Das ist nicht leicht und eine Trennung ist nie leicht. Und vor allem, wenn sozusagen diese Patchwork-Situation, die dann kommt, nicht der Trennungsgrund war. Da ist man doch ganz schön was durchgegangen bis man dann in dieser Patchwork-Situation gelandet ist und ich glaube aber, dass, viele so das Gefühl haben, ja man wollte nur seine Beziehung nicht retten und hat sich dann irgendwie in einen neuen Hafen gerettet oder das sind meine Annahmen, aber ja, meine Eltern sind da zum Glück sehr, sehr, sehr hilfreich, Glaubst du. Bernhard Vosicky: [18:56] Hat das, natürlich hat das, aber inwieweit hat die Beziehung oder deine Vater-Sohn-Beziehung, dein eher untypisches Aufwachsen auch dich als späteren Papa geformt? Hosea Ratschiller: [19:09] Sehr stark. Also überhaupt, mein Vater ist eine sehr wichtige Figur in meinem Leben, also geradezu überwichtig. Also ich habe gerade, was die Bühnensachen betrifft, habe ich mich wirklich emanzipieren müssen von dem Gedanken, wird das mein Vater eh gut finden. Also der war echt ein wahnsinnig wichtiger Mensch in meinem Leben und ist es immer noch. Boah, wo kam das jetzt her? Na, er lebt und es geht ihm gut, liebe Grüße. Wir haben sehr gestritten, also wir hatten eine unglaublich konfliktreiche Zeit, als ich in der Pubertät war und als ich von zu Hause ausgezogen bin, habe ich mal ein Jahr das Telefon nicht abgehoben, also so heftig war das und dann haben wir uns aber so zusammengestritten und er ist immer zur Verfügung gestanden dafür. Also er hat nicht so getan, als wäre er ein anderer, als er ist. Und das war sehr, sehr, sehr super. Also ich habe wenig Leute in meinem Leben, zu denen ich eine so gesunde Beziehung habe. Bernhard Vosicky: [20:12] Klingt aber trotzdem ein bisschen nach mehr Freund und Kumpel, oder? Hosea Ratschiller: [20:17] Nein, gar nicht. Also der war Pünktlichkeitsfanatiker, der hat gesagt, du hast nur einen Dreier auf der Schularbeit, das geht aber besser. Also ganz eindeutig, er war der Vater und macht die Regeln und sehr streng in vielen Dingen und in manchen Dingen dann wieder überhaupt nicht. Aber, na, Kumpel, was wir uns wirklich erarbeitet haben, ist, dass etwas, was man vielleicht als Liebe, also ich würde das wirklich als Liebe bezeichnen und das ist nicht nur eine Liebe, die darin besteht, dass er mir irgendwas weitergibt, was mein Leben leichter macht, sondern wir kümmern uns sehr umeinander und interessieren uns sehr füreinander und, Wir verbringen sehr viel Zeit miteinander, haben großes Verständnis für die negativen Charakterzüge des jeweils anderen und freuen uns sehr über die positiven. Also das ist echt eine richtig innige Beziehung. Bernhard Vosicky: [21:22] Eine Sache, die auch mir hängen geblieben ist, neben dem Begriff des Vaters, den möchte ich auch noch ansprechen, ist so ein bisschen eine Lobeshymne an das Mittelmaß. Und du hast auch gerade vorhin schon angesprochen, dass man ja eigentlich nicht scheitern darf. Also ich würde ja mittlerweile sogar sagen, dass wir uns nicht in einer Leistungsgesellschaft, sondern eigentlich in einer Erfolgsgesellschaft befinden, weil Leistung allein bringt nichts. Du musst schon auch Erfolg haben dabei. Wenn du nur leistest, bringt es nämlich gar nichts. Oder so vom Ansehen her meine ich. Hosea Ratschiller: [21:53] Ja, das stimmt auf jeden Fall und ich finde, das ist ein sehr, sehr vielschichtiges Thema. Wir leben in Österreich, das muss man immer im Hinterkopf behalten. Wahnsinnig ausgebauter Sozialstaat, viel von dem, was man über die Welt sagen kann und was man befürchten muss, gilt in Österreich nur in abgeschwächter bzw. In stabilisierter Form. Hosea Ratschiller: [22:23] Was sicher stimmt, ist, dass momentan, wenn du dir die Aura von Sinn und irgendwie Glamour und irgendwie, also wenn du Interesse hervorrufen möchtest, dann brauchst du Erfolg. Und das war früher vielleicht auch schon ein bisschen so, also wir haben auch schon den Hermann Mayer bewundert, mehr als den, der 17. Wird beim Super-G, aber das waren noch nicht die Leute, denen wir zugetraut hätten, dass sie das Land regieren. Oder dass sie die bessere Idee haben als eine Wissenschaftlerin oder ein Wissenschaftler. Das hat sich verändert. Dass sozusagen das, was du jetzt als Leistung genannt hast, dass das so gesunken ist im Ansehen. Und dass sozusagen die medialen Umstände, wenn man das so nennen will, mit diesen Algorithmen, die dranbleiben und Klicks und so weiter belohnen, dass da der schnelle Erfolg, der oft sozusagen wenig tragfähig ist und der gar nicht dafür gedacht ist, 10, 20 Jahre irgendwas stabil zu halten, dass der sehr, sehr, sehr viel höher eingeschätzt wird als sozusagen die stabile Leistung. Bernhard Vosicky: [23:42] Also das heißt schnelle unter Anführungsstrichen Befriedigung für etwas, was geleistet wird, anstatt dass man versucht vorausschauend zu denken und irgendwie für die Gesellschaft etwas positiv langfristig umzusetzen. Hosea Ratschiller: [23:56] Genau, also wir bewundern Erfolg, so wie wir ihn immer schon bewundert haben. Das, was neu ist, ist, dass wir ihn mit Vernunft gleichsetzen. Also nur jemand, der total erfolgreich ist, kann auch Recht haben. Das ist ein völliger Irrtum natürlich, wenn man drei Sekunden darüber nachdenkt, aber die drei Sekunden haben wir halt oft nicht. Bernhard Vosicky: [24:18] Und zahlt dann auf das Konto ein, großen Namen, Musk, Bezos, was auch immer, Sam Altman, wie sie alle heißen. Also diese Tech-Milliardäre, die ja offensichtlich erfolgreich sind und deswegen Recht haben müssen. Hosea Ratschiller: [24:33] Ja, genau. Bernhard Vosicky: [24:35] Auch sprachwendig eigentlich, ja, Hosea Ratschiller: [24:36] Ja. Bernhard Vosicky: [24:37] Weil das ist ja auch ein Thema, ich glaube, in deinem aktuellen Kabarett, wo es ein bisschen um diese Tech-Milliardäre geht. Übrigens habe ich eine Kritik gelesen von einem ehemaligen lieben Arbeitskollegen von Radio Wien, der unter dem Namen Kulturblogger aktiv ist, der Florian Kobler. Hosea Ratschiller: [24:52] Ah, der war auch bei Radio Wien, das wusste ich. Bernhard Vosicky: [24:53] Ja, er ist noch immer bei Radio Wien, aber ich nicht mehr und deswegen Ex-Kollege. Und der hat dich, wie hat er dich genannt, ein sympathisches Schlitzohr voller schlauer Gedanken. Schau. Nimmst du das? Hosea Ratschiller: [25:03] Nein, das nehme ich. Ich bin quasi ein bisschen der Seibald. Das ist auch mein Lieblingsspieler im Nationalteam. Jemand, wo man nicht auf den ersten Blick sagen würde, der ist wichtig für den Erfolg der Mannschaft, aber wenn er nicht spielt, dann fehlt er und dann kriegt man viele Tore. Bernhard Vosicky: [25:25] Okay, das nehmen wir so wenigstens. Ich wollte auf das Mittelmaß kommen. Ich habe in meiner momentanen Moderation, Kommunikation, Präsentations-Bubble, in der ich mich bewege, von einem lieben Kollegen so den Vergleich gehört zwischen Exzellenz und Perfektion. Dass Perfektion das ist, was dich auch jemals nur unglücklich machen kann, weil du es wenig erreichst und dass du sozusagen deswegen exzellent bevorzugen solltest im Sinne von, schau, dass du das so gut machst, wie du es eben kannst. Jetzt ist das aber trotzdem noch weit entfernt vom Mittelmaß. Warum findest du dieses Mittelmaß so wichtig oder so gut oder warum ist das für dich so bedeutungsvoll oder richtig? Hosea Ratschiller: [26:10] Weil dort die allermeisten sind und weil wir irgendwie schauen müssen, dass wir gut miteinander auskommen und ich glaube, dass diese Mitte, die ja eine politische Behauptung ist, dass es die gäbe und dass da irgendeine Ideologie dahinter steckt, die diese Mitte zusammenhält, das ist einfach nur eine Behauptung. Was es aber wirklich gibt, ist Zahlen und Daten und die sagen uns, wo ist diese Mitte. Also was ist das Durchschnittseinkommen, wie alt werden wir durchschnittlich, wie gesund sind wir, das gibt es. Und dort sind eben die allermeisten. Das heißt, man muss schauen, dass man dort irgendwie für Sinn sorgt. Und darum finde ich, dass diese Mitte... Dass die besprochen gehört zumindest. Also ob es jetzt anstrebenswert ist oder so, weiß ich gar nicht so genau. Was man sich anschauen muss, ist, wo hört es auf, toll zu sein, wenn man sich von der Mitte nach oben entfernt und nach unten entfernt. Also natürlich ist es, dass es geschissen ist, arm zu sein, darauf können wir uns einigen, dass es aber auch geschissen ist, zu reich zu sein. Das ist etwas, das spricht sich jetzt erst langsam herum. Und dazwischen gibt es einen Korridor, in dem geht sich sowas wie soziales Miteinander gut aus. Also das ist messbar, das sagt uns die Wissenschaft. Man kann nicht nur zu arm sein, sondern man kann auch zu reich sein. Bernhard Vosicky: [27:39] Okay, ich verstehe, was du meinst. Ist es deswegen auch erstrebenswert zum Beispiel, zu sagen, man ist so ein mittelguter Papa oder sollte man hier versuchen, exzellent zu sein? Hosea Ratschiller: [27:49] Nein, man sollte immer versuchen, exzellent zu sein und sich dessen bewusst, dass man nur so mittel ist. Bernhard Vosicky: [27:54] Ah, okay, ich verstehe. Könntest du mir definieren, was ein guter Papa ist? Hosea Ratschiller: [28:00] Das ist echt eine sehr gute Frage und ich habe das Gefühl, dass das einer ist, der sich nicht schleicht, obwohl es schwierig ist. Bernhard Vosicky: [28:07] Also ein Dasein. Hosea Ratschiller: [28:08] Da sein. Ich glaube, dass es wirklich darum geht. Und wenn man Verantwortung übernommen hat, dass man vor deren nicht davonläuft. Darum geht es, glaube ich. Und da ist ein Riesenspielraum, wie man das dann interpretiert. Aber es ist nichts daran toll, wenn man sagt, naja, jetzt habe ich es einmal probiert und, Das ist mir nicht gut gelungen, jetzt gehe ich woanders hin und probiere es dort noch einmal, sondern ich finde, dass man auch für sein Misslingen gerade stehen muss und zur Verfügung stehen muss und nicht nur sozusagen die Erfolge für sich reklamieren. Bernhard Vosicky: [28:47] Verstehe, was du meinst. Ich habe jetzt auf der FM4-Website einen Artikel gelesen, wo es um dein Buch oder euer Buch gemeinsam geht. Zitat, ich weiß nicht, ob es von dir ist oder ob es von der Redakteurin vom Redakteur ist. Ich lese es dir kurz vor. Männer sterben früher, sind öfter depressiv, nehmen sich häufiger das Leben. In neun von zehn Fällen sind Männer die Täter, wenn es um häusliche Gewalt geht. Männer sind die Letzten, die bei der Notlandung eines Flugzeugs als Wrack verlassen dürfen und müssen in den Krieg ziehen. Männer beherrschen die Aufsichtsräte. Und wenn junge Männer zu Dutzenden von der Terrorgruppe Boko Haram abgeschlachtet werden, dann greifen es die Medien nicht auf, weil sich die Verschleppung von Schülerinnen besser verkauft. Ich unterschreibe ich genauso, wie es da steht. Hosea Ratschiller: [29:32] Das hat die Redakteurin geschrieben. Also die hat unser Buch gelesen und das war eines der schönsten Interviews zu dem Buch, weil sie einen sehr klaren Blick darauf hatte, worauf wir da hinaus wollen. Bernhard Vosicky: [29:45] Liegt das, das hast du auch schon gesagt, Männer oder Väter jetzt im Konkreten, weil nicht jeder Mann ist auch Vater. Ich definiere und unterscheide ja sogar zwischen Vater und Papa. Also das, was du als quasi guten Vater beschreibst, ist für mich der Papa. Aber man hört selten davon, dass sich eine Mutter schleicht, so wie es du vorher gesagt hast, der Papa schleicht sich. Haben Männer oder Väter da ein bisschen ein Imageproblem? Hosea Ratschiller: [30:14] Also wahrscheinlich auch ein Imageproblem, aber ich glaube, sie haben vor allem ein Rollenproblem. Das ist eine Rolle, die kommt aus Urzeiten, wo jede Familie sozusagen noch einen Bestimmer und einen Hauptverantwortlichen und sowas gebraucht hat. Und in Wirklichkeit brauchen wir das jetzt nicht mehr. Und dieser letzte Schritt raus, aus dem ist aber noch nicht gemacht. Es gibt keine demokratische Verfassung dieser Welt, die mir bekannt wäre, die ohne Staatsoberhaupt auskommt. Dabei bräuchte die Demokratie sowas eigentlich gar nicht. Und das setzt sich natürlich fort bis runter und momentan reden viele davon, ja, da sieht man, die Demokratie funktioniert nicht so gut, weil es braucht wieder einen starken Mann an der Spitze. Ich behaupte, die Demokratie funktioniert bestens. Und wenn man sich die Zahlen anschaut, dann wird man sehr schnell bestätigt, wie gut die funktioniert. Das Einzige, was den durchschlagenden Erfolg hemmt, ist, dass sie sich von diesen Patriachen noch nicht vollständig emanzipiert hat. Dass sozusagen die Staatsoberhäupter in den Verfassungen noch nicht durch eine sinnvollere Idee ersetzt sind. Und das war so der Ansatz von unserem Buch, dass wir uns angeschaut haben, wo kommt diese Vaterrolle eigentlich her. Und da sind wir draufgekommen, man geht davon aus, Vater kommt von Pater. Hosea Ratschiller: [31:42] Ist aber umgekehrt. Pater kommt von Vater. Vater ist das ältere Wort. Indogermanisch und Ter ist das Haus im Indogermanischen und Vater, Mutter, Tochter. Das waren sozusagen die Leute, die dort leben. Die dem Haus zugeordnet sind. Dem Haus zugeordnet sind. Tochter waren die Kinder, Buben und Mädchen, Mutter war dort, die gebären kann und Vater. Wer ist das eigentlich? Und das war sicher nicht der Bestimmer, das war nicht der Verantwortliche, sondern das war von den Männern, die durchgezogen sind und die vorbeigekommen sind, der, der bleibt. Hosea Ratschiller: [32:19] Und mit dem muss man irgendwie umgehen. Also der braucht sozusagen irgendeine Beschäftigung und mit dem muss man irgendwie auskommen. Und das war der Vater. Und die Römer haben sich dann den hergenommen und haben gesagt, der ist der Chef. Weil wozu soll der sonst bleiben, außer zum Chef sein? Das ist ein völlig absurder Gedanke. Und eben bei den Römern war der Vater dann der, der ein Kind erst zum Menschen gemacht hat. Das war wirklich so. Da wurde ein Kind geboren und dann kam der Pater Familias und hat geschaut. Und wenn er das Kind aufgehoben hat, dann durfte es bleiben. Und wenn er es liegen gelassen hat, dann war es quasi ausgestoßen. So sind auch Sklaven entstanden. Die wurden dann von irgendjemandem aufgeglaubt und waren dann halt keine vollwertigen Mitglieder der Familie. Also da war Abstammung, Biologie, das haben die alles noch nicht so eng gesehen. Und unser Vorschlag war sozusagen, sich von diesem römischen Vater ein Stück weit, zumindest gedanklich ein Stück weit zu entfernen und zu schauen, welche Traditionen könnte man sich da noch hernehmen. Also das kommt aus einer bäuerlichen Welt, wo es noch nicht diese patriarchalen Strukturen gab. Das glaubt man immer so, dass die Bauern schädeln, da haut der Vater auf den Tisch und so weiter. Aber da gab es ganz andere Ansätze noch, von wie man zusammenleben, organisieren kann, die viel mehr auf Gemeinwohl ausgerichtet werden. Bernhard Vosicky: [33:46] Was dann eher auch dieser Spruch herkommt, man braucht ein ganzes Dauer von einem Kind. Genau. Das ist ja irgendwie aus dieser... Zeit kommt auf ein bisschen. Hosea Ratschiller: [33:54] Genau, und im Dorf war das schon deutlich besser gelöst, als es je in einer Stadt gelöst war. Und vor dem Schritt stehen wir meiner Meinung nach, dass wir das urbanisieren, diese Idee. Bernhard Vosicky: [34:07] In dem Buch kommt auch der Begriff des Vatans. Ist das zum Bemuttern? Da kann man uns ein bisschen mehr darunter vorstellen. Oder was ist das Vatan? Hosea Ratschiller: [34:15] Na genau, also das war so die Idee, dass man sagt Bemuttern, das ist mittlerweile in den Sprachschatz eingegangen Und das hat sich völlig gelöst vom Geschlecht. Also man kann auch sagen, ein Mann bemuttert irgendwen, aber Vatern, das wäre quasi noch offen. Und unser Vorschlag war, Vatern hat was damit zu tun, wenn man einfach da bleibt, während jemand versucht, mit der Welt umzugehen. Also nicht beibringen, also nicht sagen, schau, so geht's, sondern sagen, ja, ich weiß, das ist schwierig, ich weiß, das kann frustrierend sein, ich weiß, du gehst mit Enthusiasmus und wahnsinnig vielen Gefühlen um, währenddessen sollst du lernen und arbeiten und was weiß ich noch was alles. Das kann total überfordern und total geil sein und während dir das passiert, bin ich auch dabei und du kannst dich darauf verlassen, egal wie es dir geht, ich bin da. Bernhard Vosicky: [35:09] Okay, das ist eine sehr schöne Funktion, Hosea Ratschiller: [35:12] Eine sehr schöne Tätigkeit des Vaters. Bernhard Vosicky: [35:15] Über was ein guter Papa ist, haben wir schon gesprochen. Wir kommen jetzt auch schon in Richtung Schluss, wo ich eigentlich immer zwei Fragen reinbringe, die ich ganz spannend finde, weil sie ein bisschen Aufschluss geben über das, wie du so deine eigene Vaterschaft siehst oder was du da gelernt hast. Die erste Frage ist, wenn du dich vor dich selbst hinstellst, ich nenne es Zurück in die Zukunft. Du bist mit 30 Papa geworden. Stell dich vor den Hosea mit 29. Und jetzt mit dem Wissen, das du heute hast, was rätst du dir? Hosea Ratschiller: [35:56] Boah, mehreres. Also du musst es nicht allein schaffen. Das ist, glaube ich, also das habe ich mir sehr eingebildet, ich muss es hinkriegen. Aber das stimmt nicht. Also man hat Hilfe und man kann sich die holen und das ist nicht scheitern, wenn man sich Hilfe holt. Und das andere ist vielleicht, Die vielen Zufälle, von denen Elternschaft geprägt ist, sind nicht alle Gefahren, sondern das ist gut so und das ist auch gut fürs Kind, dass wenn sozusagen deine eigenen Wünsche und Pläne, die du für das Kind hast, nicht im Vordergrund stehen, im Zusammenleben, sondern wenn genug Raum da ist, für das Kind eine eigene Perspektive zu entwickeln. Das ist nichts, was man durchgehend regulieren muss, sondern das ist was, was einfach passieren darf und wo die eigene Aufgabe eben, so wie vorher erwähnt, eher ist, da zu sein. Bernhard Vosicky: [37:04] Einen Rahmen zu geben ein bisschen. Hosea Ratschiller: [37:06] Genau, also nicht zu viel vornehmen, das ist vielleicht die Zusammenfassung. Vergeude deine Kraft nicht damit, dir zu viel vorzunehmen fürs Vatersein. Bernhard Vosicky: [37:20] Also es wird schon funktionieren? Hosea Ratschiller: [37:23] Zuversicht auch? Ja, Zuversicht, Vertrauen ist ganz wichtig. Also nicht nur das Kind muss dir vertrauen können, sondern du musst auch ein Vertrauen in die Welt haben und ein Vertrauen in das Kind haben. Dann wird es, oder musst, du darfst, kannst, versuch mehr also das, aber das ist sehr subjektiv also es war bei mir das Problem, ich hatte viel zu wenig Vertrauen in die Welt am Beginn des Vaterseins und das ist gewachsen. Bernhard Vosicky: [37:55] Eine Sache ist mir noch eingefallen, die ich unbedingt fragen wollte, was machst du anders als dein eigener Papa? Hosea Ratschiller: [38:01] Ha, viel, sehr viel ähm, Ich lege nicht so wahnsinnig viel Wert auf Pünktlichkeit. Das war ein Riesenthema zwischen ihm und mir. Also er hat auf eine für ihn auch nicht gute Art fanatisch darauf bestanden, dass man pünktlich ist. Mir ist das auch wichtig. Ich finde es auch unhöflich, unpünktlich zu sein. Aber ich werde nicht wahnsinnig, wenn jemand unpünktlich ist. Und ja. Ich glaube auch, das ist jetzt sehr, sehr persönlich schon, ich glaube, um noch etwas Negatives, ich sage dann noch etwas Positives zur Abschwächung, aber das hat er nicht so gut gemacht. Ich glaube, dass ich besser darin bin, mir zu erlauben, für meine Kinder einzustehen. Dass ich mir nicht denke ich muss für alle Kinder dieser Welt gleichermaßen, irgendwie sprechen oder so, sondern meine Kinder dürfen mir das Wichtigste sein und, was ich nicht so gut kann wie er, glaube ich ist, nicht dafür interessieren wofür die sich so interessieren. Bernhard Vosicky: [39:24] Also hat der sich einfach immer sehr schön einlassen können auf das? Hosea Ratschiller: [39:28] Ja, also ich kenne keinen anderen Menschen, der so hilfreich sein kann, wenn du dich für was interessierst, weil der wahnsinnig gebildet ist. Also mein Vater ist echt ein sehr, sehr gebildeter Mensch. Der kann wahnsinnig gut Sachen erklären, extrem gut. Und wenn du mit irgendwas heimgekommen bist, was dich fasziniert hat von Ich habe irgendeinen Frosch gesehen bis hin zu, wie funktioniert der Europacup im Fußball genau. Niemand konnte dich so unterstützen dabei, dich dann noch mehr dafür zu interessieren. Das war super und das kann ich sicher bei weitem nicht so gut, weil ich einfach schlicht nicht so gebildet bin wie er. Bernhard Vosicky: [40:11] Und die letzte Frage, die ich noch habe, hat ein bisschen was Musikalisches. Du als Radiomensch wirst dir da wahrscheinlich eh auch leicht tun, aber ich nenne sie die Papamia-Playlist des Grauens. Hosea Ratschiller: [40:22] Ich habe viel nachgedacht darüber und das ist echt nicht leicht, aber ich habe mich dann dafür entschieden, ein Beispiel zu nennen, weil die Kinder hören sehr unterschiedliche Musik, sehr viel davon geht mir sehr auf die Nerven, aber ich habe mich darauf konzentriert, ein Beispiel zu finden von Musik, die mir vorher getaugt hat und die ich jetzt nur mehr schwer hören kann, und das ist Peter Fox. Bernhard Vosicky: [40:46] Aha, okay, Haus am See. Hosea Ratschiller: [40:48] Ja, oder alles neu und das zweite Gesicht und so. Also die Kinder hören viel gern, was scheppert und wo ordentlich Bass und Posaune und alles ist. Aber Teichkind haben sie nicht geschafft, mir zu vergellen, weil das ist schon so kindlich aufgesetzt, das passt schon. Aber Peter Fox, wenn drei Kinder einen Text mitsingen, von dem sie wirklich kein Wort verstehen und eine neue Version davon finden, dann kannst du es auch nicht mehr anders hören. Und ich kann das jetzt nicht mehr hören. Bernhard Vosicky: [41:20] Welchen Song nehmen wir? Hosea Ratschiller: [41:21] Nehmen wir alles neu. Bernhard Vosicky: [41:23] Alles neu, Peter Fox. Es ist noch kein Peter Fox Song aus der Liste, du hast. Es ist eine komplette, freie Wahl. Meistens sind es nur Kinderlieder oder Schlager. Hosea Ratschiller: [41:31] Bei mir ist es echt so, also alles, was schon kindlich ist, können die nicht kaputt machen, weil das sind Kinderlieder. Das passt dann irgendwie. Bernhard Vosicky: [41:39] Hättest du einen Papatipp an die Papas, die zuhören? Das hören 65 Prozent Männer zu. Altersstruktur würde ich jetzt mal einschätzen, entweder frisch oder bald Papa. Du jetzt quasi als alter Hase eigentlich. Hosea Ratschiller: [41:57] Also naja, Scheiß dich nicht an, das ist schwer, aber es muss dir nicht leicht fallen. Bernhard Vosicky: [42:06] Das nehmen wir genau so. Danke dir vielmals. Hosea Ratschiller: [42:09] Sehr gerne, danke für die Einladung.

Kapitel

00:00
Intro: Was machst du anders als dein eigener Papa?
03:25
„Happy Place“: Kinder verstehen die Gegenwart besser
05:42
Pubertät & Loslassen: „Du bist die Wand“
08:12
Patchwork-Familie: Nähe, Distanz, „meine Kinder“
21:22
Erfolg, Vernunft & das unterschätzte Mittelmaß
34:07
Vatern heißt bleiben

Bernhard Vosicky

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